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Davids Jugendweltmeisterschaft


Die diesjährige Jugendweltmeisterschaft im Schach fand vom 11.-23. November im türkischen Kemer statt, was westlich von Antalya liegt. In den Altersklassen unter 8 Jahre bis unter 18 Jahre wurde in elf Runden um die begehrten Weltmeistertitel gerungen. Nachdem auf anderen Seiten schon viel über das Turnier berichtet wurde, lässt die Fritz&Fertig-Redaktion einen Teilnehmer zu Wort kommen. David Kaplun vom Schachclub Erkrath aus NRW berichtet ausführlich mit Hilfe seiner Schwester von seiner Jugendweltmeisterschaft in der Altersklasse der unter 10jährigen.

Am 11.11. morgens ging unsere Reise in die Türkei ab Köln/Bonn los. Bereits am Flughafen trafen wir weitere Schachspieler, sodass die Zeit mit dem geliebten Schachspiel vertrieben wurde.

Nachdem wir in unser Hotel in der Nähe von Kemer gebracht wurden, hatten wir nur kurz Zeit, uns vom einstündigen Jetlag zu erholen, denn mit Spannung blickten wir auf die Eröffnungsfeier der Jugend-Weltmeisterschaft 2009. Zu Unrecht, wie sich später leider herausstellte. Hauptsächlich wurden Reden gehalten, die aus dem Türkischen ins Englische übersetzt oder vielmehr ins Mikrofon hineingenuschelt wurden. Ein absoluter Langeweilefaktor vor allem für die Kinder, der nur kurz unterbrochen wurde von gelegentlichen Folklore-Einlagen einer Tanzgruppe. Wir bevorzugten es, uns ins Hotel zurückzuziehen, um für die anstehende Runde tags drauf ausgeruht zu sein. Bei dieser brach allerdings das vollkommene Chaos aus. Es war die einzige Runde, bei der die Elternschaft und Fotos in den ersten 10 Minuten zugelassen wurden. 5000 Menschen strömten somit durch einen engen Gang in die Spielsäle, die sich auf zwei Etagen verteilten. In den Kellerräumen, die ebenfalls zum Spiel genutzt wurden, herrschten tropische Temperaturen bei völlig fehlendem Sauerstoff und der Partieanpfiff erfolgte, als noch nicht alle an ihren Brettern saßen. Aufgrund der neuen „0-Minuten-Regelung“ der FIDE (Internationale Schachorganisation) gingen mindestens ein Dutzend Partien in den unteren Altersklassen kampflos verloren, weil nicht alle Kinder ihre Bretter auf Anhieb finden konnten. Mit der Organisation konnten die wenigsten zufrieden sein; nur drei „Besucherkarten“ gab es pro Delegation, um während der Runden in den Spielsaal zu gelangen und die Stellung der Schützlinge anzuschauen – und diese waren meist bei den Trainern gehortet. Der Eingang zum Spielsaal wurde von der Security vor den Betreuern gesichert wie ein Hochsicherheitstrakt. Somit ging die Meisterschaft an den Eltern und erst recht an der Öffentlichkeit fast vollständig vorbei.

Es stellte sich heraus, dass David mit seiner ELO (internationale Wertungszahl) von 1831 bei einer Teilnehmerzahl von 149 Personen in der Altersklasse unter 10 Jahre auf Platz 27 gesetzt war. In der ersten Runde sollte er es mit dem Kirgisen Zidan Khapizov zu tun haben. Die Vorbereitung mit Thomas Michalzcak, seinem Trainer während der WM, ergab wenig. Keine Partien, keine ELO, keine Einschätzung möglich. Stattdessen wurde das Schwarzrepertoire durchgeschaut. In einem geschlossenen Sizilianer konnte David schon früh einige Ungenauigkeiten des Gegners in der Eröffnung ausnutzen und mit einem listigen Bauernzug bei vollem Brett die Dame und einen Turm aufspießen und den ganzen Turm gewinnen. Das war ein leicht erspielter Punkt; so einfach sollte es in den nächsten 10 Runden allerdings nicht werden.

Runde zwei wurde mit Weiß gegen den Armenier Arman Harutyunyan bestritten. In der Abtauschvariante im Damengambit kam es zu entgegengesetzten Rochaden, wobei Weiß kaum Druck auf den gegnerischen König ausüben konnte. Schwarz hingegen fraß gemütlich einen Bauer nach dem anderen, wobei sich David sehr ungenau verteidigte. Das Turmendspiel war damit auch klar vorteilhaft für den Gegner. Mit einem sehr guten Zug konnte sich Weiß allerdings einen scheinbar gefährlichen Freibauern erarbeiten; hier kriegte der andere Muffensausen und bot trotz immer noch gewonnener Stellung Remis an. Ein geschenkter halber Punkt, der gern genommen wurde.

Nun führte David die schwarzen Steine gegen Kanada. Wiederum in der Abtauschvariante stellte er allerdings seinen Springer ohne c5 zu spielen nach c6, was die Harmonie der ganzen schwarzen Stellung zerstörte. Nachdem er sich auch noch mit b6 geschwächt hatte, spielte Kong Dezheng gezielt auf die schwarzen Schwachpunkte und gewann den Springer. Innerhalb weniger Züge wendete sich allerdings das Blatt, als Weiß nach bisher starkem Spiel drei völlig abwegige Züge spielte. Davids Mattangriff aus heiterem Himmel konnte plötzlich nur noch durch die Opfergabe eines Turms abgewandt werden und die gesamte Partie endete schon bald mit einem vollen Punkt für David.

Ein ordentlicher Turnierstart bei glücklichen 2,5 Punkten aus drei Partien. Am Mittag des nächsten Tages klingelte auf dem Zimmer das Telefon – Daniel David (Vereinsvorsitzender des SC Erkrath) am Apparat. „Warte mal kurz“ hörte ich nur  und schon wenige Sekunden später klopfte es an der Tür. Daniel ! Unglaublich! „Ich wollte ohnehin Urlaub machen, da hat mir Kemer ganz gut gepasst.“ Mit dieser starken Unterstützung aus Erkrath  auf unserer Etage in unserem Hotel konnte wohl nun nichts mehr schief gehen. An Brett 12 trat David mit Weiß gegen Han Yu Zhang aus China an. Es kam Grünfeldindisch aufs Brett, was vorher in der Vorbereitung intensiv analysiert wurde. David konnte sich auch eine gute Stellung aufbauen und einen starken Freibauern noch im Mittelspiel auf d6 platzieren. Diese eher unbekannten Strukturen kosteten ihn viel Zeit auf der Uhr, sodass er die für ihn vorteilhafte Stellung mit einigen schnellen und schlechten Zügen aufgrund mangelnder Erfahrung in Zeitnotphasen abgab. Er stellte eine Qualität ein und ebenso den Freibauern; der Rest war ein Kinderspiel für den Chinesen.

Die am nächsten Tag folgende Doppelrunde begann mit Katalanisch, was ebenfalls „vorhergesagt“  wurde. David war gut vorbereitet und konnte auch hier nach der Eröffnung mit Schwarz in ein ausgeglichenes Mittelspiel übergehen. Der Trainer lobte ihn später dafür, dass er viele Feinheiten in den Berechnungen gesehen hatte; aber ein krasser Fehler unterlief ihm im Endspiel gegen Minh Thang Tran aus Vietnam. Er gab einfach so einen Bauern her, der dem anderen auch noch sofort einen Freibauern bescherte, der ungehindert durchmarschieren und seine Umwandlung in eine Dame feiern konnte. Selbst mit drei verbundenen und weit voran geschrittenen Bauern hatte David keine Chance mehr gegen die Dame; kurz vor dem Matt gab er auf.

  Runde sechs und der Türke Cahyt Karaca standen auf dem Programm. Wie genau die Partie verlief, vermag ich nicht zu beurteilen, da David leider das Partieformular verlor. Nach einer unspektakulären Eröffnung spielte er als Weißer allerdings ziemlich planlos und ließ sich auf eine  bedrängte Stellung ein, in der er letztlich auch den ganzen Punkt geben musste.

Drei Nullen hintereinander! Der Tag nach der Doppelrunde stand im Zeichen der Erholung. Die gesamte deutsche Delegation versammelte sich im angrenzenden Zitronengarten mit viel Freiraum,  um den Sport nicht zu kurz kommen zu lassen. Vier Teams maßen hier ihr Können am runden Leder. Wer letztlich gewann ist unklar, brachte aber allen Teilnehmern großen Spaß und war eine der wenigen Möglichkeiten, um überhaupt alle versammelt zu sehen. Grundsätzlich bot der Turnierort neben dem wunderschönen Panorama auf die Berge viele Erholungsmöglichkeiten für uns. Der Strand war direkt vor dem Hotel; auch wenn wir das Baden im Meer Ende November überwiegend den eher Abgehärteten überließen, traute sich David einmal mit Daniel hinein. Die hoteleigene Sauna wurde ebenso getestet wie der Swimmingpool. Natürlich lernte David auch einige Spieler kennen, mit denen er seine (wenige) freie Zeit verbrachte: allen voran mit Robert Baskin, einem spielstarken Hessen der U10, sodass sie sich gegenseitig versprachen, sich auch nach der WM zu besuchen und gemeinsam einige Turniere zu absolvieren.

Die Auslosung der siebten Runde bescherte uns unglücklicherweise einen Kameraden aus NRW – Gregor Flüchter. Ohne Vorbereitung mussten sie ihr Können messen, da Thomas Michalczak beide als Trainer unterstützte. David mit Schwarz konnte sich ohne Probleme eine angenehme Position im Paulsen-Sizilianer aufbauen. Er drückte plangemäß b5 und d5 durch und gewann mit einer Kombination einen Bauern. Gregor ließ das Eindringen der gegnerischen Türme auf seiner 2. Reihe zu und David gelang ein schönes Damenopfer auf h3, um anschließend mit den beiden Türmen den weißen König matt zu setzen. Diese Partie war ganz ordentlich von David ausgespielt; deswegen hier die Partienotation zum Nachspielen: 1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 cd 4. Sxd4 a6 5. Sc3 Dc7 6. Le2 Sf6 7. Le3 b5 8. f3 Le7 9. Sb3 Lb7 10. 0-0 0-0 11. Dd2 d6 12. Tad1 Sbd7 13. De1 d5 14. ed Sxd5 15. Sxd5 Lxd5 16. Dd2 Tfd8 17. Lf4 Ld6 18. Lxd6 Dxd6 19. Kh1 Tac8 20. Tc1 De5 21. c3 Lxb3 22. ab Sc5 23. Dc2 Sxb3 24. Dxb3 Dxe2 25. Tce1 Dc4 26. Da3 Dc6 27. Td1 h6 28. Ta1 Td2 29. h3 Dd6 30. Db3 Td8 31. Da2 Dg3 32. Tg1 Te2 33. Db1 Tdd2 34. Txa6 Dxh3+  0:1

3,5 Punkte aus sieben Partien und damit auf Höhe der 50%-Marke – diesen Kurs zu halten war unsere Devise für die Endphase der Meisterschaft, obwohl der Start wesentlich mehr versprach  als der dann folgende Verlauf. In Runde acht trat David gegen den serbischen Spieler Nikola Osap mit den weißen Steinen an. Es kam erneut die Abtauschvariante im Damengambit aufs Brett und David behielt von Anfang an die Oberhand. Mit einem starken Vorstoß auf d5 konnte er eine Gabeldrohung aufstellen und letztlich die Qualität gewinnen. Die folgende Abwicklung in das Endspiel blieb vorteilhaft, sodass auch diese Partie ohne besondere Wackler gewonnen wurde.

Das Eis schien gebrochen und eine Siegesserie eingeläutet? In der neunten Runde abermals ein Chinese – Chen Baining. Diese Partie dauerte nur 22 Züge und ging zu Ungunsten von David als Schwarzem aus. In der Partieanalyse stellte Michalczak fest, dass der kleine Gegner fantastisch gegen Davids Sizilianer vorbereitet wurde. Baining habe eine sehr gute theoretische Neuerung gebracht und es sei ihm vorgekommen, als wäre Davids Gegner Fritz gewesen, der die besten Züge in der scharfen Königsangriffsstellung mit f4, g4-g5-g6 und einem Matt auf h7 fand. „Die beste Partie der U10“ – aber uns nützte das nur wenig, da lediglich eine Null auf Davids Konto dafür verblieb.

Am kommenden Tag stand die zehnte Runde auf dem Programm. Um das Minimalziel von 5,5 Punkten zu erreichen, hatte David noch zwei Runden Zeit; eventuell wäre noch etwas mehr auf dem Punktekonto zu erreichen möglich. Zunächst musste er jedenfalls an Georgien vorbei und Irakli Akhvlediani machte im Slawen mächtig Druck, sodass David erst einen, dann einen anderen Bauern lassen musste. Mit ungleichfarbigen Läufern auf dem Brett hoffte er allerdings auf ein Unentschieden und spielte hierfür auch alles richtig: Er tauschte die Damen und einen Turm; den anderen wollte der Georgier leider nicht hergeben, was ein Remis wahrscheinlicher gemacht hätte. Mit diesem konnte er dann auch in die schwarze Festung eindringen und die beiden Bauern verwerten. Ebenfalls eine starke Vorstellung des Gegners und eine weitere Null auf dem Partieformular.

In der letzten Runde wurde es noch einmal richtig spannend. David hatte Schwarz gegen den Türken Berk Vatansever. In der Vorbereitung stellte sich heraus, dass er den Keres-Angriff gegen den Scheveninger-Sizilianer spielt, der so geht: 1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cd 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 d6 6.g4!?. Darauf wurde David dann getrimmt, wobei sich extrem scharfe Varianten daraus entwickeln können. Exakt dies kam aufs Brett! David sagte, dass man den Gegner richtig schwitzen sah, als er erkannte, dass Schwarz die außergewöhnlichen Varianten kannte. Anscheinend war David besser auf die Eröffnung des Gegners eingestellt als dieser selbst, denn schon nach g4 wusste er nicht genau weiter und spielte nicht die besten Züge. David opferte plangemäß einen Bauern für einen deutlichen Entwicklungsvorsprung und baute sich eine sehr gute Stellung auf. Dann begann allerdings der Spießrutenlauf. Zunächst ging ihm ein Matt durch die Lappen, was der andere nur hätte durch großen Materialverlust verhindern können. Dann ließ er einen einfachen Qualitätsgewinn aus und opferte aus unerfindlichen Gründen einen Springer für einen sehr nachteiligen Abtausch, bei dem er zwei Türme für die Dame erhielt. Der andere pflückte einen Bauer nach dem anderen und gewann.

So sah das schachlich traurige Ende letztendlich aus. Bei 2,5 Punkten aus 3 Runden und weiteren 2 aus ganzen 8 (!) war David nicht mit seinem Spiel zufrieden. Die Konkurrenz war zwar durchgehend sehr stark und Geschenke wurden in den 11 Runden kaum verteilt. Insofern lieferte David auch Kampfgeist, wenn er nach 5 Stunden aus dem Spielsaal kam und eine erkämpfte Partie im Endspiel verloren hatte. Zudem lernte er auch bei den Vorbereitungen und Nachanalysen eine Menge über die eigenen Schwächen und konnte sicher sein Repertoire erweitern. Dennoch war mehr zu holen, sodass mindestens 50% in greifbarer Nähe waren. Hier hat David leider nicht alle Tipps genutzt, die ihm von Trainer-Seite etwa bezüglich der Konzentrationsfähigkeit gegeben wurden und sich selber Punkte verbaut, indem er in komplizierten Stellungen nicht genau berechnete.

Zu guter Letzt möchte ich mich auch im Namen meiner Familie und insbesondere in Davids Namen bei all denen bedanken, die sich für uns stark gemacht haben, sodass die Teilnahme überhaupt erst möglich wurde. Das sind allen voran die privaten Sponsoren und öffentliche Stellen, die uns finanziell bezuschusst haben. Ein besonderer Dank geht an den Vorstand des SC Erkrath und an die Mitglieder, die uns durch Tat beistanden; vor allem dem Vorsitzenden Daniel David danke ich für alles.

Viktoria und David Kaplun


David startet für Deutschland in der Altersklasse unter 10 Jahre


David im Spielsaal der Jugendweltmeisterschaft am Brett

 


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